Strömungstauchen: Wie man unter Wasser fliegt, ohne dass einem Flügel wachsen
Anschnallen und festhalten, denn wir sprechen über den ultimativen Adrenalinkick für Faule. Lerne, wie man einen negativen Einstieg (Negative Entry) hinknallt, die Strömung wie eine Legende reitet und warum Haie in einer starken Strömung das Beste sind, was du je sehen wirst.

G'day, Legenden!
Stellt euch das mal vor. Ihr springt vom Boot und noch bevor ihr eure Instrumente checken könnt, rast ihr dahin wie ein Güterzug. Ihr müsst nicht paddeln. Ihr müsst euch nicht anstrengen. Ihr schwebt einfach im Blau, die Arme verschränkt wie ein Boss, und schaut zu, wie die Welt mit einer Million Sachen an euch vorbeizischt.
Das ist Strömungstauchen (Drift Diving), Kumpel. Und ich sag' euch eins: Das ist das Nächste, was ihr jemals an Superman rankommen werdet, ohne die Unterhosen über der Hose zu tragen.
Ich erinnere mich an meinen ersten richtigen Strömungstauchgang oben am Great Barrier Reef. Ich dachte, ich wäre fit. Ich dachte, ich könnte gegen den Ozean anstinken. Von wegen! Die Strömung hat mich gepackt und über einen Korallenblock (Bommie) geschleudert wie eine Stoffpuppe. Das war absolut ABGEFAHREN (GNARLY). Ich kam lachend hoch und hätte mich fast an meinem Automaten verschluckt. Seitdem jage ich der Strömung hinterher. Wenn sich das Wasser nicht bewegt, bin ich praktisch schon am Einpennen.
Heute reden wir darüber, wie man den "Rip" beherrscht. Wir behandeln die gruseligen Sachen wie den negativen Einstieg (Negative Entry) und wie man seine Boje (SMB) hochschießt, ohne sich selbst komplett zu verknoten. Also gönnt euch später ein kühles Blondes, aber jetzt passt auf, denn so fliegen wir.
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Der negative Einstieg: Sinken wie ein Stein
Hört mir gut zu. Wenn der Skipper bei einem Strömungstauchgang "DIVE DIVE DIVE" brüllt, dann sitzt du nicht da und fummelst an deinem Maskenband rum. Du spielst nicht an deiner Kamera rum. Du gehst rein.
Der größte Fehler, den Rookies machen, ist mit Luft im Jacket (BCD) reinzuspringen. Sie klatschen aufs Wasser und treiben oben rum wie ein Korken. Wisst ihr, was dann passiert? Die Oberflächenströmung packt euch und zerrt euch 200 Meter vom Riff weg, bevor ihr überhaupt die Luft rausgelassen habt. Bis ihr unten seid, ist der Rest der Gruppe schon auf halbem Weg nach Fidschi.
Für einen ernsthaften Strömungstauchgang machen wir einen Negativ-Einstieg (Negative Entry).
Das klingt intensiv, weil es das auch ist. Du leerst dein Jacket schon auf dem Boot komplett. Du nimmst einen Atemzug aus dem Regler. Du rollst rückwärts rein. Sobald du das Wasser berührst, atmest du kräftig aus, machst sofort den Druckausgleich und paddelst nach unten. Du hältst nicht an, um dem Boot zu winken. Du bewegst deinen Hintern runter zum Sammelpunkt, der meistens auf 10 oder 15 Metern liegt.
Pro-Tipp: Du musst den Druckausgleich schnell und oft machen. Weil du wie ein Stein absinkst, werden deine Ohren schreien, wenn du sie nicht jeden Meter klärst.
Beim ersten Mal fühlt es sich chaotisch an. Du triffst aufs Wasser, überall Blasen, und du stürzt einfach ab. Aber wenn du hochschaust und siehst, wie das ganze Team zusammen abtaucht wie eine Einheit Navy Seals? Kumpel, das ist ein echter Anblick für die Götter.
Der Ritt: Warum arbeiten, wenn man schweben kann?
Sobald du unten und neutral tariert bist, passiert die Magie.
Normales Tauchen ist super, aber man muss dafür schuften. Paddeln, paddeln, paddeln. In der Strömung bist du faul. Der Ozean macht die Arbeit. Du stellst einfach deine Tarierung ein, ziehst die Flossen ein und gleitest dahin.
Das Gefühl von Geschwindigkeit ist GEWALTIG. Du fliegst über Canyons und Plateaus. Du siehst riesige Gorgonien, die sich durch die Kraft des Wassers zur Seite biegen. Es fühlt sich an, als würde man mit einem Kampfjet durch einen Canyon jagen.
Ich finde, das Beste ist die Stille gemischt mit dem Tempo. Du bewegst dich schnell, aber es gibt keine Windgeräusche. Nur das Geräusch deines eigenen Atems und das Knistern des Riffs.
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Starke Strömung bedeutet große Fische
Hier ist ein Geheimnis, das der Ozean dir nicht im Prospekt verrät. Die großen Dinger lieben das raue Zeug.
Haie. Makrelen. Thunfische. Barrakudas. Die hängen nicht in abgestandenen Tümpeln rum. Die hängen da ab, wo das Wasser in Bewegung ist, denn da gibt es Futter. Die Strömung drückt Nährstoffe aus der Tiefe hoch und die Nahrungskette dreht völlig durch.
Ich war vor ein paar Jahren in Komodo an einem Spot namens "The Shotgun". Die Strömung riss so hart, dass ich dachte, sie reißt mir die Maske vom Gesicht. Wir haben uns am Riff eingehakt (einen Riffhaken (Reef Hook) zu benutzen, ist nochmal eine ganz eigene Fähigkeit, Kumpel) und haben einfach nur zugeschaut.
Weil wir direkt in der Strömung waren, sahen wir zwanzig oder dreißig Graue Riffhaie, die dort einfach nur verharrten. Die sind nicht geschwommen. Die standen einfach in der Strömung und ließen das Wasser über ihre Kiemen strömen. Das war wie eine Hai-Autobahn. Wenn wir in einer ruhigen Bucht getaucht wären, hätten wir vielleicht ein paar nette Clownfische gesehen. Langweilig.
Wenn du die Spitzenprädatoren sehen willst, musst du bereit sein, dich ein bisschen rumschubsen zu lassen.
Der Vergleich: Faul vs. Verrückt
Hier ist eine kurze Übersicht für euch, warum Strömungstauchen ein ganz anderes Kaliber ist als euer Standard-Chill-Tauchgang.
| Feature | Standard-Tauchgang am Anker | Strömungstauchgang (Drift) |
|---|---|---|
| Einstieg | Großer Schritt/Rückwärtsrolle, Treffen an der Oberfläche, langsames Abtauchen. | Negativ-Einstieg, keine Zeit an der Oberfläche, sofortiges Abtauchen. |
| Anstrengung | Hoch. Du paddelst, um dich zu bewegen. | Null. Der Ozean bewegt dich. |
| Navigation | Du navigierst weg vom Boot und wieder zurück (Umkehrkurs). | Keine Navigation. Du gehst mit dem Flow und das Boot folgt den Blasen. |
| Meeresbewohner | Makro-Sachen, Schildkröten, entspannte Fische. | HAIE, Schwärme von Pelagialfischen, Jagd-Action. |
| Boots-Pickup | Du kehrst zur Ankerleine zurück oder schwimmst zum Boot. | Das Boot sammelt dich im offenen Ozean ein (Live-Boating). |
Sei kein Held: Bleib bei deinem Buddy
Das hier ist der ernste Teil, also hört zu.
Bei einem Strömungstauchgang ist eine Trennung der absolute Albtraum. Wenn du zehn Sekunden lang anhältst, um dir eine Nacktschnecke anzusehen, und dein Buddy weiter driftet? Bis du hochschaust, ist er weg. Die Strömung kann Leute mit 2 oder 3 Knoten bewegen. Das ist schneller, als du schwimmen kannst.
Wenn du die Gruppe in einer starken Strömung verlierst, bist du allein im Blau.
Wir bleiben dicht zusammen. Ich bin gerne nah genug dran, um die Flosse meines Buddys zu packen, wenn es sein muss. Maximal eine Armlänge entfernt. Wir kommunizieren nicht durch Brüllen. Wir benutzen Handzeichen, aber in der Strömung musst du dich ständig umsehen.
Wenn sich die Strömung an einem Felsen oder einer Ecke teilt, müsst ihr die Entscheidung gemeinsam treffen. Links oder rechts. Wenn du links gehst und er rechts, landet ihr vielleicht auf verschiedenen Seiten einer Insel. Das ist ein verdammt langer Schwimmweg zurück zur Kneipe, Kumpel.
Der Ausstieg: Die Boje (SMB) hochschießen
Du kannst nicht einfach auftauchen, wann immer du Lust hast. Du treibst im offenen Wasser. Da könnte Bootsverkehr sein. Da könnten hohe Wellen sein. Der Bootskapitän muss dich sehen, bevor du die Oberfläche durchbrichst.
Hier kommt die SMB (Surface Marker Buoy) ins Spiel. Das ist dieses orangefarbene Würstchen in deiner Tasche.
Normalerweise schießen wir sie aus 5 Metern Tiefe während des Sicherheitsstopps hoch. Du setzt sie unter Wasser ein.
- Schau nach OBEN. Stell sicher, dass kein Boot direkt über dir ist.
- Abrollen. Entriegle deine Rolle (Reel/Spool).
- Aufblasen. Benutze deinen Oktopus (Occy) oder deine ausgeatmeten Blasen, um den Sack zu füllen.
- Zisch ab. Halt die Rolle fest, nicht den Sack!
Das in einer Strömung zu machen, ist knifflig. Du bewegst dich. Die Leine spult sich aus. Du musst verdammt nochmal aufpassen, dass du dich nicht in der Rolle verhedderst. Ich habe Typen gesehen, die sich eingewickelt haben und wie ein gefangener Fisch an die Oberfläche gezerrt wurden. Nicht cool. Halt die Leine straff und weg von deiner Ausrüstung.
Sobald dieses orangefarbene Rohr an der Oberfläche aufpoppt, sieht es der Kapitän und fährt rüber. Du driftest gemütlich dahin, machst deinen 3-Minuten-Sicherheitsstopp und hängst an der Leine wie ein Fallschirmjäger. Wenn du auftauchst, wartet das Boot direkt vor deiner Nase.
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Mein "Waschmaschinen"-Erlebnis
Ich muss euch von diesem einen Tauchgang in Palau erzählen. Blue Corner. Legendärer Spot.
Wir sprangen rein und die Strömung war absolut brutal. Wir hakten uns an der Kante der Steilwand ein und beobachteten die Haie. Der Teil war einfach. Aber dann mussten wir uns aushaken und in die Lagune driften.
Das Wasser wirbelte wie in einer Kloschüssel. Wir nennen das die "Waschmaschine". Ich wurde komplett auf den Kopf gestellt. Meine Blasen gingen seitlich weg. Ich schaute auf meinen Tauchcomputer und stellte fest, dass ich eigentlich aufstieg, obwohl ich dachte, ich würde nach unten schwimmen. Es war desorientierend, chaotisch und absolut genial.
Ich schaffte es, meinen Buddy am Jacket-Gurt zu packen, diesen Kontakt zu halten ist lebenswichtig, und wir purzelten gemeinsam durch die Turbulenzen, bis sie uns im ruhigen Wasser der Lagune wieder ausspuckten. Wir kamen schreiend und High-Fives gebend an die Oberfläche. Es fühlte sich an, als hätten wir gerade eine Runde im Ring mit einem Känguru überlebt.
Geht da raus
Strömungstauchen ist nichts für schwache Nerven. Man braucht eine gute Tarierung. Man muss sich im Wasser wohlfühlen. Aber wenn du erst einmal diesen Speed gekostet hast? Wenn du fühlst, wie es ist, über das Riff zu fliegen, ohne einen Muskel zu bewegen? Du wirst nie wieder deine Flossen benutzen wollen.
Es ist Freiheit. Es ist Kraft. Es ist der Ozean, der dich daran erinnert, dass du klein bist und er gewaltig ist.
Also lasst eure Ausrüstung checken. Übt euren negativen Einstieg. Und um Himmels Willen, kauft euch eine ordentliche Boje (SMB).
Wir sehen uns im Blau. Oder vielleicht winke ich euch auch nur zu, wenn ich mit drei Knoten an euch vorbeirausche.
Cheers!
Rocket