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Magnus Sorensen

Jacket vs. Wing Tarierweste: Stabilisierung deiner Existenz unter Druck

Deine Tarierweste entscheidet darüber, ob du eine stabile Plattform bist oder ein umherfuchtelnder Amateur. Wir analysieren die Physik von Jackets im Vergleich zu Backmount-Wings in der kalten, harten Realität des Ozeans.

Jacket vs. Wing Tarierweste: Stabilisierung deiner Existenz unter Druck

Du schwebst im Nichts. Das Wasser hat 4 Grad Celsius. Der Druck zerquetscht deinen Anzug, komprimiert den Stickstoff in deinem Blut und sucht nach jeder Schwachstelle in deinem System. In dieser Umgebung ist Stabilität kein Luxus. Sie ist Überleben.

Wenn ich eine Pipeline-Verbindung in der Nordsee schweiße, habe ich keine Zeit, gegen meine Ausrüstung zu kämpfen. Ich muss ein Fels sein. Eine Plattform. Die meisten Sporttaucher behandeln ihre Tarierweste (BCD) wie eine Rettungsweste. Sie wollen treiben. Sie wollen an der Oberfläche herumdümpeln und in die Sonne blinzeln.

Das ist in Ordnung, wenn man in einem beheizten Pool auf den Malediven schwimmt. Aber wenn du wirklich tauchen willst, wenn du die Physik der Unterwasserwelt beherrschen willst, musst du die Mechanik dahinter verstehen, wo du deine Luft platzierst.

Dies ist die ewige Debatte für die Uneingeweihten: Das Jacket (Weste) gegen das Backmount (Wing). Für mich ist die Wahl offensichtlich. Aber schauen wir uns die Hydrodynamik an.

Jacket BCD underwater

Das Jacket-BCD: Die Touristenfalle

Das Jacket-BCD ist das, was du während deiner Open-Water-Zertifizierung getragen hast. Es legt sich wie eine Weste um deinen Torso. Es hat Luftblasen am Rücken, an den Seiten und manchmal sogar vor der Taille.

Wenn du es aufbläst, umgibt dich die Luft. Es fühlt sich sicher an. Wie eine Umarmung. Für einen nervösen Menschen, der in eine fremde Umgebung abtaucht, bietet diese „Umarmung“ psychologischen Komfort.

Das vertikale Problem

Die Physik eines Jackets ist darauf ausgelegt, dich vertikal zu halten. Wenn die Luft um deine Taille und Brust verteilt ist, erzeugt das Auftriebszentrum eine massive Blase um deinen Kern. An der Oberfläche ist das hervorragend. Es hält deinen Kopf aus dem Wasser, damit du mit dem Bootskapitän sprechen oder bequem panikartig reagieren kannst.

Unter Wasser ist das eine Katastrophe.

Um sich effizient durch das Wasser zu bewegen, musst du horizontal liegen. Du willst die kleinstmögliche Stirnfläche, um den Widerstand (Drag) zu reduzieren. Ein Jacket kämpft ständig dagegen an. Die Luft, die an deinen Seiten eingeschlossen ist, erzeugt Instabilität, führt oft zu einem Rollen oder drückt deine Brust nach oben. Du verbringst deinen gesamten Tauchgang damit, gegen deine eigene Ausrüstung zu kämpfen und mit den Flossen zu schlagen, nur um deine Beine oben zu halten. Das wirbelt Sediment auf. Es ruiniert die Sicht. Es verbraucht Energie.

In der Welt des gewerblichen Tauchens bedeutet Anstrengung CO2-Aufbau. CO2-Aufbau in der Tiefe führt zu Tiefenrausch (Nitrogen narcosis) und Panik. Panik führt zum Tod.

Der „Squeeze“

Wenn du ein Jacket an der Oberfläche voll aufbläst, zieht es sich zusammen. Es drückt gegen dein Zwerchfell. Ich habe Taucher gesehen, die Schwierigkeiten hatten, tief einzuatmen, nicht wegen ihres Atemreglers, sondern weil ihr „bequemes“ Jacket ihren Brustkorb einquetschte. Atmen ist das Einzige, was dort unten zählt. Alles, was es einschränkt, ist ein Konstruktionsfehler.

Das Backmount-Wing: Das Präzisionsinstrument

Das Backmount-System, oft einfach „Wing“ genannt, platziert die Luftblase zu 100 % hinter dir. Sie sitzt zwischen deinem Rücken und deiner Flasche.

Tech diver wing setup

Hydrodynamische Überlegenheit

Wenn sich die Luft ausschließlich auf deinem Rücken befindet, erzeugt sie ein Drehmoment, das deinen Oberkörper nach unten drückt und deine Hüften anhebt. Es zwingt dich ganz natürlich in eine horizontale, flache Position. Das ist die „Skydiver-Pose“.

In dieser Position präsentierst du dem Wasser das kleinste Profil. Du bist stromlinienförmig. Wenn ich in einer Strömung arbeite, will ich kein Segel sein. Ich will ein Torpedo sein. Das Wing macht dies automatisch. Du hörst auf, gegen das Wasser zu kämpfen, und gleitest hindurch.

Bewegungsfreiheit

Da sich keine Blase unter deinen Armen oder über deiner Brust befindet, ist deine Vorderseite frei. Du kannst deine Arme verschränken. Du kannst deine Ventile erreichen. Du kannst Werkzeuge, Kameras oder Stage-Flaschen bedienen, ohne gegen sperrige Taschen aus Nylon und Luft kämpfen zu müssen.

Für Fotografen ist das entscheidend. Ein Fotograf muss bewegungslos schweben, Zentimeter von einer Nacktschnecke oder einer Wrackstruktur entfernt. In einem Jacket kann eine leichte Verschiebung der Luftverteilung dich zum Rollen bringen. In einem Wing ist die Luft entlang deiner Wirbelsäule zentriert. Du bist stabil. Du bist ausbalanciert.

Warum Tech-Taucher und Fotografen Wings wählen

Es läuft auf Zuverlässigkeit und Trim (Trim) hinaus.

Technisches Tauchen beinhaltet das Mitführen zusätzlicher Flaschen, das Durchtauchen enger Wracks oder das Betreten von Höhlen. Wenn du ein Jacket in einer Höhle trägst, bettelst du um Ärger. Die sperrigen Seiten bleiben an Felsen hängen. Die Unfähigkeit, perfekt flach zu bleiben, bedeutet, dass du Sediment aufwirbelst und die Sicht auf Null reduzierst.

Ein Backplate-und-Wing-System ist modular aufgebaut:

  1. Die Backplate: Meist eine Platte aus Edelstahl oder Aluminium. Diese fungiert als verteiltes Gewicht. Sie verlagert den Ballast von deinen Hüften (Bleigurt) zu deinem Massenschwerpunkt. Dies verbessert den Trim.
  2. Das Harness: Ein einziges Stück durchgehendes Gurtband. Keine Plastikschnallen, die brechen können. Kein Klettverschluss, der verschleißt. Wenn eine Plastikschnalle in 40 Metern Tiefe bricht, hast du ein ernstes Problem. Wenn ein Gurtband ausfranst, siehst du das Monate im Voraus.
  3. Das Wing: Austauschbar. Wenn du es punktierst, kaufst du eine neue Blase, nicht ein komplett neues BCD.

Fotografen lieben Wings, weil sie die Tarierung von der Atmung entkoppeln. In einem Jacket beeinflusst der Druck (Squeeze) deine Feinabstimmung. Mit einem Wing hängst du in der Wassersäule wie ein Satellit.

Diver horizontal trim

Der Vergleich: Kalte, harte Fakten

Ich habe die Daten basierend auf mechanischer Funktion und operativer Realität zusammengestellt.

MerkmalJacket-BCDBackmount / Wing
OberflächenstabilitätHoch (Kopf oben, mühelos)Niedrig (Drückt Gesicht nach vorn, erfordert Technik)
Unterwasser-TrimSchlecht (Erzwingt vertikale „Seepferdchen“-Haltung)Ausgezeichnet (Natürliche horizontale Ausrichtung)
WiderstandsbeiwertHoch (Sperrig, viel Polsterung)Niedrig (Stromlinienförmig hinter dem Taucher)
BrustkorbkompressionHoch (Quetscht beim Aufblasen)Keine (Harness ist unabhängig von der Blase)
ModularitätNiedrig (Alles-in-einem-Einheit)Hoch (Platten, Wings, Harness wechselbar)
FehlerquellenViele (Plastikschnallen, Reißverschlüsse, Klett)Wenige (Stahl-Hardware, einzelnes Gurtband)

Der Übergang: Rat für den „Warmwasser-Schwimmer“

Viele neue Taucher haben Angst vor Wings. Sie hören „technisches Tauchen“ und denken, es sei zu fortgeschritten. Sie denken, es sei nur für Leute, die in Löcher im Boden tauchen.

Das ist Unsinn.

Ein Wing ist eigentlich einfacher als ein Jacket. Es ist weniger überladen. Die einzige Herausforderung ist das Verhalten an der Oberfläche.

Die Angst vor dem „Face-Plant“

Da sich die Luft auf deinem Rücken befindet, will ein Wing dich an der Oberfläche mit dem Gesicht nach unten treiben lassen. Wenn du bewusstlos bist, ist das theoretisch schlecht. Wenn du bei Bewusstsein bist, lehnst du dich einfach zurück. Es erfordert eine kleine Anpassung deines Schwerpunkts. Du streckst deine Beine leicht nach vorne und lehnst dich in das Harness zurück. Es ist wie in einem Liegestuhl. Sobald du diesen Trick gelernt hast, verschwindet die Angst.

Wie man wechselt

Wenn du von einem Jacket zu einem Wing wechselst, kauf nicht die teuerste „Tech-Ausrüstung“ mit rot eloxiertem Aluminium und fünfzig D-Ringen.

  1. Fang simpel an: Hol dir eine Edelstahl-Backplate (wenn du einen Trockenanzug oder dickes Neopren trägst) oder Aluminium (für warmes Wasser).
  2. Hol dir ein „Donut“-Wing: Vermeide Hufeisenformen (Horseshoe), wenn du neu bist; Luft kann in einem Schenkel des Hufeisens gefangen bleiben. Eine Donut-Form lässt die Luft frei zirkulieren, was das Ablassen des Gases (Dumping gas) erleichtert.
  3. Verteile das Gewicht neu: Nutze Trim-Taschen an deinen Flaschengurten oder ein in das Harness integriertes Bleisystem. Nimm den schweren Gurt von deinen Hüften, um deinen Rücken zu schonen, aber stelle sicher, dass du genug abwerfbares Blei (Ditchable weight) zugänglich hältst. Wenn dein Wing versagt, musst du in der Lage sein, Blei abzuwerfen und hochzuschwimmen. Wir wollen Zuverlässigkeit, keinen Selbstmordpakt.

Die Realität des Drucks

Ich erinnere mich an einen Job vor der Küste Norwegens. Wir inspizierten einen zerklüfteten Abschnitt einer Rumpfplatte. Die Brandung war heftig und drückte uns mit jeder Dünung drei Meter hin und her. Mein Tauchpartner benutzte ein Freizeit-Jacket, auf dem er bestand, weil es „große Taschen“ hatte.

Jedes Mal, wenn die Brandung einschlug, verfing sich sein sperriges Jacket im Wasser. Er fuchtelte herum, seine Flossen wirbelten Rost und Schlamm auf, seine Atemfrequenz schoss in die Höhe. Er kämpfte gegen den Ozean.

Ich war in meiner Backplate und meinem Wing. Ich ließ die Luft ab, wurde negativ schwer und legte mich flach hin. Das Wasser floss über mein stromlinienförmiges Profil hinweg. Ich konnte mich auf die Schweißnaht konzentrieren. Er musste den Tauchgang abbrechen, weil er sein Gas durch die Anstrengung in 20 Minuten verbraucht hatte.

Dem Ozean ist dein Komfort egal. Er respektiert die Physik.

Wenn du unter Wasser ein Passagier sein willst, kauf ein Jacket. Wenn du ein Taucher sein willst, hol dir ein Wing. Geh in die Horizontale. Hol dir die Kontrolle.

Diver in dark water