Nachttauchen ist keine Geistergeschichte: Warum du das Licht ausschalten musst
Jeder fragt mich: ‚Malik, gibt es im Dunkeln keine Haie?‘ Mein Freund, in der Dunkelheit erwacht der Ozean erst richtig. Lass dir von mir die blühenden Korallen zeigen, die jagenden Rotfeuerfische und warum die Nacht eigentlich die farbenprächtigste Zeit zum Tauchen ist.

Mein Freund, willkommen. Setz dich. Der Beduinentee ist heiß, und am Zucker haben wir nicht gespart.
Schau hinaus auf den Golf von Aqaba. Er ist jetzt schwarz. Stockfinster. Die Berge von Saudi-Arabien sind nur noch Schatten vor den Sternen. Ich sehe, wie du auf das Wasser blickst und deine Schultern leicht zittern. Ich weiß, was du gerade denkst.
Du denkst an den Film Der Weiße Hai. Du denkst an die Kälte. Du denkst, dass da unten etwas mit großen Zähnen darauf wartet, an deinen Flossen zu knabbern, sobald du hineinspringst.
Hör auf Malik. Der Ozean bei Nacht ist kein Spukhaus. Er ist ein Garten, der erst aufblüht, wenn die Sonne untergeht.
Ich habe tausende Tauchgänge hier in Dahab geführt. Das Blue Hole, den Canyon, den Lighthouse. Aber meine Lieblingstauchgänge sind immer die, bei denen wir uns rückwärts vom Boot in die Tinte fallen lassen. Warum? Weil die Sonne tagsüber die Farben stiehlt. Das Wasser wirkt wie ein Blaufilter. Alles unterhalb von 10 Metern ist blau, grau, vielleicht ein wenig grün.
Aber in der Nacht? Da trägst du die Sonne in deiner Hand. Deine Lampe enthüllt die wahren Rot- und Orangetöne, welche das Tageslicht verbirgt. Und die Kreaturen... ach, mein Freund, der Ozean hat eine Nachtschicht, genau wie ein belebtes Hotel.
Lass mich dir erklären, warum du aufhören musst, dich vor der Dunkelheit zu fürchten, und heute Abend mit mir kommen solltest.
Der Wachwechsel
Wenn die Sonne hinter den Sinai-Bergen versinkt, ertönt unter Wasser ein unsichtbarer Pfiff. Die Tagschicht geht schlafen. Es ist eigentlich ziemlich amüsant anzusehen.
Der Papageifisch, du kennst ihn, der bunte Kerl, der an den Korallen knabbert? Er sucht sich eine kleine Höhle. Aber er schläft nicht einfach nur. Er öffnet sein Maul und spinnt sich einen Schlafsack aus seinem eigenen Schleim. Es sieht aus wie ein durchsichtiger Gelee-Ballon. Er schläft darin, um seinen Geruch zu verbergen, damit die Aale ihn nicht wittern können. Wenn du ihn mit deiner Lampe anstrahlst, siehst du ihn in seiner Blase schlummern. Weck ihn nicht auf. Er ist müde davon, den ganzen Tag Steine gefressen zu haben.
Doch während er schläft, erwachen die Jäger.
Die Jäger und die Blumen
Tagsüber hängt der Rotfeuerfisch einfach nur herum. Er wirkt gelangweilt. Er sieht aus, als würde er auf einen Bus warten, der niemals kommt. Aber nachts? Da wird er zum Wolf. Er spreizt seine Flossen weit aus. Er nutzt dein Lampenlicht zur Jagd und treibt die kleinen Fische gegen die Riffwand. Schnapp. Weg sind sie. Einen Rotfeuerfisch beim Jagen zu beobachten, ist wie eine Balletttänzerin zu sehen, die gleichzeitig eine Attentäterin ist.
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Und die Muränen. Am Tag sind sie scheu. Sie zeigen dir nur ihre Köpfe. Nachts schwimmen sie frei umher. Eine Riesenmuräne, die neben dir hergleitet, ist ein Band aus reiner Muskelkraft. Es ist wunderschön, nicht beängstigend.
Aber die größte Überraschung? Die Felsen. Die Hartkorallen. Tagsüber sehen sie aus wie Stein. Nachts sind sie hungrige Tiere. Die Korallenpolypen öffnen sich, um Plankton zu fangen. Eine harte Hirnkoralle verwandelt sich in einen flauschigen Ball aus Millionen winziger Blumen. Die Farben explodieren. Gelbtöne, leuchtendes Orange. Alles lebt.
Deine eigene Sonne: Die Ausrüstung, die du brauchst
Du musst kein technischer Taucher sein, um nachts tauchen zu gehen. Du musst nur vorbereitet sein. Wenn wir nachts im Canyon tauchen, prüfe ich die Ausrüstung meiner Taucher doppelt.
Hier ist die Wahrheit: Du bist mehr von deiner Ausrüstung abhängig als am Tag. Wenn deine Maske am Tag vollläuft, siehst du verschwommenes Licht. Wenn dein Licht nachts ausfällt, siehst du nichts. Gar nichts.
Die heilige Dreifaltigkeit des Lichts
- Die Hauptlampe (Primary Light): Das ist deine wichtigste Lichtquelle. Sie sollte stark sein, aber nicht wie ein Autoscheinwerfer. Wenn sie zu hell ist, erschreckst du die Fische und blendest deinen Buddy. Du möchtest einen gebündelten Strahl, der das Wasser durchschneidet.
- Die Reservelampe (Backup Light): Das ist nicht verhandelbar. Sie bleibt in der Tasche deiner Tarierweste (BCD). Wenn dein Hauptlicht versagt (und Batterien sterben nun mal, mein Freund), gerätst du nicht in Panik. Du greifst in deine Tasche, holst das Backup heraus, schaltest es ein und signalisierst deinem Partner den Abbruch des Tauchgangs. Wir tauchen gemeinsam auf. Sicher.
- Das Tank-Signallicht: Wir nennen es das „Glühwürmchen“. Es ist ein kleiner Batterie-Blitzer oder ein chemisches Knicklicht, das an deinem Flaschenventil befestigt wird. Es ist nicht für dich gedacht. Es ist für mich, deinen Guide. Wenn ich zurückblicke, sehe ich vier oder fünf kleine grüne oder rote Sterne, die mir folgen. Wenn ich deinen Stern nicht sehe, weiß ich, dass ich dich suchen muss.
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Hier ist eine einfache Tabelle, die dir hilft, den Unterschied in der Vorbereitung zu verstehen:
| Merkmal | Tagtauchen | Nachttauchen |
|---|---|---|
| Sicht | Peripheres Sehen ist weit. Du siehst alles. | Tunnelblick. Du siehst nur, was du anstrahlst. |
| Farben | Durch Tiefe gefiltert (hauptsächlich blau). | Wahre Farben (Rot/Orange), da die Lichtquelle nah ist. |
| Buddy-Check | Blick über die Schulter. | Suche nach ihrem Lichtstrahl oder Tank-Marker. |
| Navigation | Nutzung von Orientierungspunkten und Riff-Formen. | Kompass und Tiefenmesser nutzen. Orientierungspunkte verschwinden. |
Sprechen ohne Worte
Hier werden neue Taucher oft nervös. Wenn du am Tag deinen Buddy fragen willst, ob alles in Ordnung ist, machst du das „OK“-Zeichen mit der Hand.
Wenn du nachts das Handzeichen im Dunkeln machst, winkst du nur den Geistern zu. Niemand sieht es.
Du musst mit deinem Licht sprechen. Aber bitte, niemals, wirklich niemals, leuchte deinem Buddy direkt in die Augen. Das ist das Unhöflichste, was man unter Wasser tun kann. Es ruiniert ihre Nachtsicht für fünf Minuten. Sie werden dich hassen.
Die Sprache des Lichts
- Der Kreis: Du zeichnest mit deinem Lichtstrahl einen Kreis auf den Sandboden oder die Riffwand. Das bedeutet „OK“. Es ist eine Frage und eine Antwort. Ich kreise, du kreist zurück. Alles bestens.
- Die horizontale Wellenbewegung: Den Lichtstrahl auf dem Boden hin und her bewegen. Das bedeutet „Achtung!“. Schau zu mir. Wenn die Bewegung schnell und heftig ist, bedeutet es Notfall.
- Handzeichen: Um ein Handzeichen zu geben (wie „wenig Luft“ oder „Hai“), musst du deine eigene Hand anleuchten. Du hältst die Lampe gegen deine Brust und machst das Zeichen im Lichtkegel, damit dein Buddy es sehen kann.
Es fühlt sich zuerst unbeholfen an. Wie tanzen lernen in schweren Stiefeln. Aber nach zehn Minuten wird es ganz natürlich.
Die Angst und die Magie
Ich verrate dir ein Geheimnis. Als ich das erste Mal nachts getaucht bin, hatte ich Angst. Ich war ein kleiner Junge in Dahab. Mein Vater warf mich hinein. Ich dachte, die Seemonster würden warten.
Die Angst kommt vom Unbekannten. Wenn du hineinspringst, fühlst du dich desorientiert. Die Oberfläche ist schwarz, der Boden ist schwarz. Vielleicht spürst du ein wenig Schwindel. Das ist normal. Vertraue deinen Instrumenten. Schau auf deinen Tiefenmesser.
Aber dann schaltest du dein Licht ein. Du siehst den Sand. Du siehst eine Krabbe, die seitwärts huscht. Die Welt schrumpft. Am Tag schaust du überall hin. Du suchst nach dem Walhai, der Schildkröte, dem Boot. Dein Geist rast.
Nachts schaust du nur auf den kleinen Lichtkreis vor dir. Es ist wie Meditation. Du atmest langsamer. Du bewegst dich langsamer. Du konzentrierst dich auf die winzige Garnele, die die Zähne eines Aals putzt. Du hörst auf, dir Sorgen über die Haie im tiefen Wasser zu machen, weil du sie nicht sehen kannst, also existieren sie in deinem Kopf nicht.
Das Funkeln im Blue Hole
Einmal nahm ich eine Gruppe mit zum Blue Hole. Wir gingen auf 15 Meter hinunter. Ich gab allen das Zeichen, sich im Kreis auf einem Sandplateau zu sammeln. Ich hatte ihnen schon auf dem Boot gesagt, was wir tun würden.
Ich gab das Signal: Lichter verdecken.
Wir pressten unsere Lampen gegen unsere Brust, um die Strahlen zu verbergen. Totale Schwärze. Die Art von Schwarz, die ein Gewicht hat. Du kannst dein eigenes Herz in deinen Ohren schlagen hören.
Dann wirbelte ich meine Hand durch das Wasser. Funkeln.
Biolumineszenz. Das Plankton im Roten Meer leuchtet, wenn man es bewegt. Wir verbrachten fünf Minuten damit, unsere Arme wie Kinder zu schwenken und Spuren aus grünem Feuer im Wasser zu hinterlassen. Es war, als würde man im tiefen Weltraum schweben. Wir waren nicht mehr unter Wasser; wir waren Astronauten.
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Komm, das Wasser ist warm
Das Meer ist nachts meist ruhiger. Der Wind legt sich. Die Wellen hören auf, gegen das Ufer zu klatschen.
Lass dich nicht von der Angst vor der Dunkelheit an Land halten. Die Geister, vor denen du dich fürchtest, sind nicht da. Stattdessen findest du die Spanische Tänzerin, eine große rote Nacktschnecke, die schwimmt, indem sie ihren Rock wie eine Flamenco-Tänzerin schwingt. Du wirst sehen, wie die Gorgonenhäupter ihre Arme entrollen, um die Strömung einzufangen.
Du wirst den Ozean so sehen, wie er ist, wenn wir Menschen nicht hinsehen.
Also, trink deinen Tee aus. Die Flasche ist voll. Die Batterien sind geladen. Lass uns nachsehen, was die Fische so treiben.
Yallah, lass uns tauchen.