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Magnus Sorensen

Atemregler-Mechanik: Kolben, Membran und überlebenswichtige Wartung

Dein Atemregler ist kein Spielzeug. Er ist eine Maschine, die dem Tod trotzt. Lerne den Unterschied zwischen Kolben- und Membransystemen und wie du verhinderst, dass sie dich umbringen.

Atemregler-Mechanik: Kolben, Membran und überlebenswichtige Wartung

Du bist in 120 Metern Tiefe. Das Wasser ist 4 Grad Celsius kalt. Es ist stockfinster. Das Einzige, was deine Lungen von der zermalmenden Last des Atlantiks trennt, ist ein Stück präzisionsgefrästes Messing und ein paar Gummi-O-Ringe.

Sporttaucher in den Tropen behandeln ihre Ausrüstung wie Spielzeug. Sie werfen ihre Atemregler in den Sand. Sie spülen sie ab, ohne hinzusehen. Sie gehen davon aus, dass die Luft immer fließen wird.

Ich treffe keine Annahmen. Beim Sättigungstauchen ist eine Annahme der erste Schritt zu einem Begräbnis am geschlossenen Sarg.

Um in der Tiefe zu überleben, oder auch nur bei einem kalten Tauchgang in einem Fjord, musst du die Mechanik deines Lebenserhaltungssystems verstehen. Du musst wissen, wie der Druck reduziert wird und warum deine Wahl des Ventils entscheidend ist, wenn die Temperaturen fallen. Und du musst wissen, wie du es reinigst, ohne es zu zerstören.

Die Erste Stufe: Die Bestie bändigen

Die Flasche auf deinem Rücken enthält Gas mit einem Druck von etwa 200 bar (3000 psi). Manchmal mehr. Würdest du diesen Druck direkt in deine Lungen bekommen, würde er sie zerfetzen wie nasse Papiertüten.

Die erste Stufe ist der Muskel. Sie wird an das Flaschenventil geschraubt und reduziert diesen massiven Flaschendruck auf einen „Mitteldruck“. Dieser liegt üblicherweise etwa 9 bis 10 bar über dem Umgebungsdruck. Es ist ein Abwärtstransformator für Gas.

Es gibt zwei Hauptwege, wie diese mechanische Magie geschieht: Kolben- und Membransteuerung.

Kolbengesteuerte Atemregler

Kolbenregler sind einfach aufgebaut. Sie haben weniger bewegliche Teile. Im Inneren bewegt sich ein hohler Metallkolben gegen eine Feder hin und her, um den Gasfluss zu steuern.

Das Gute: Sie liefern massive Gasmengen. Wenn du tief bist und schwer atmest, liefert ein hochwertiger, balancierter Kolbenregler mühelos Gas.

Das Schlechte: Bei der Standardbauweise dringt Wasser in die Kammer der Hauptfeder ein. In der Karibik ist das kein Problem. In Norwegen? Eine Katastrophe. Das Wasser gefriert um den Kolben herum. Der Regler blockiert in offener Stellung. Es kommt zum Abblasen (Freeflow). Deine Flasche leert sich in Sekunden. Der Ozean füllt sich mit Lärm und Blasen. Du hast ein Problem.

Membrangesteuerte Atemregler

Das ist meine Wahl. Eine flexible Gummimembran trennt den internen Mechanismus vom Außenwasser. Ein Stift überträgt den Druck von der Membran auf den Ventilsitz.

Das Gute: Sie sind gekapselt. Das eiskalte Meerwasser berührt niemals die beweglichen Metallteile im Inneren. Sie sind resistent gegen Vereisung sowie gegen Schlamm und Schmutz.

Das Schlechte: Sie bestehen aus mehr Einzelteilen. Die Wartung ist etwas komplexer. Aber Komplexität ist ein fairer Preis dafür, dass sich keine Eiskristalle in deinem Lebenserhaltungssystem bilden.

Balanciert vs. Unbalanciert

Hier trifft die Physik auf deinen Geldbeutel.

Unbalanciert: Der Flaschendruck hilft dabei, das Ventil zu schließen oder zu öffnen. Wenn sich die Flasche leert und der Druck sinkt, ändert sich der Atemwiderstand. Je tiefer du gehst und je leerer die Flasche wird, desto schwerer wird das Atmen. Das ist billiges Material. Leihausrüstung. Ich würde so etwas nicht einmal benutzen, um meinen Pool zu reinigen.

Balanciert: Der Mechanismus ist so konstruiert, dass der Flaschendruck keinen Einfluss auf die Kraft hat, die zum Öffnen des Ventils erforderlich ist. Du erhältst bei 200 bar die gleiche Luftlieferleistung wie bei 50 bar. Das Atmen fällt dir in 10 Metern Tiefe genauso leicht wie in 100 Metern. Wer tief taucht, taucht balanciert.

Hier ist die Zusammenfassung für Pragmatiker:

MerkmalBalancierte MembranBalancierter KolbenUnbalancierter Kolben
GasflussExzellentÜberlegenAusreichend
KaltwasserÜberlegen (Gekapselt)Schlecht (außer gekapselt)Schlecht
ZuverlässigkeitHochHochMittelmäßig
KostenHochHochNiedrig
Beste Eignung fürKaltes/Dreckiges Wasser, TechTiefes WarmwasserFlaches Warmwasser

Die Zweite Stufe: Das Bedarfsventil

Das Gas verlässt die erste Stufe durch einen Schlauch mit Mitteldruck. Es trifft auf die zweite Stufe. Das ist das Teil in deinem Mund.

Die zweite Stufe nimmt diese ca. 10 bar und senkt sie auf den Umgebungsdruck ab. Es ist ein „Bedarfsventil“. Es gibt dir nur Gas, wenn du einatmest.

Im Inneren befindet sich ein Kipphebel. Wenn du einatmest, sinkt der Druck im Gehäuse. Die Membran (eine andere als in der ersten Stufe) wird durch den äußeren Wasserdruck nach innen gedrückt. Sie trifft auf den Hebel. Der Hebel öffnet das Ventil. Du bekommst Luft.

Wenn du ausatmest, drückst du die Membran nach außen, der Hebel schließt sich und das Auslassventil öffnet sich, um die Blasen rauszulassen.

Taucher atmet Blasen aus

Eigentlich einfach. Aber wenn er schlecht eingestellt ist, kämpfst du um jeden Atemzug. Das ist die „Atemarbeit“ (Work of Breathing). Eine hohe Atemarbeit führt zur CO2-Anstauung. Eine CO2-Anstauung führt zu Panik. Panik führt zum Tod.

Wartung: Sei kein Idiot

Ich habe Taucher gesehen, die nach dem Tauchgang ihren Regler ohne Staubschutzkappe in ein Spülbecken geworfen haben und weggegangen sind.

Wäre ich ihr Vorgesetzter, würde ich sie feuern.

Das kritischste Bauteil der ersten Stufe ist der Sinterfilter. Es ist ein kleines Metallgeflecht am Einlass. Er verhindert, dass Rost und Staub aus der Flasche in den empfindlichen Hochdrucksitz gelangen.

Wenn du Wasser in den Einlass der ersten Stufe gelangen lässt, flutest du das Hochdrucksystem. Das Wasser wird die Federn korrodieren lassen. Es wird die Schmiermittel zersetzen. Es wird das Manometer ruinieren.

Das Reinigungsprotokoll

  1. Staubschutzkappe sichern: Bevor Wasser den Regler berührt, muss die Schutzkappe auf dem Einlass der ersten Stufe sitzen. Sie muss trocken sein. Sie muss fest sitzen. Wenn du DIN-Ventile benutzt (was du solltest, Bügelanschlüsse/Yoke sind für Touristen), stelle sicher, dass die Verschlusskappe dicht ist.
  2. Kein Hochdruckspülen: Spritze die erste Stufe nicht mit einem harten Wasserstrahl ab. Du könntest Wasser hinter die Dichtungen drücken. Nur sanfter Fluss.
  3. Drücke niemals die Luftdusche: Wenn der Regler im Wasser liegt und nicht unter Druck steht, drücke niemals den Spülknopf (Luftdusche) an der zweiten Stufe. Dies öffnet das Ventil und lässt Wasser durch den Schlauch bis in die erste Stufe wandern. Ich sehe ständig Leute, die das in Spülbecken machen. Sie fluten ihre eigene Ausrüstung.
  4. Einweichen: Salzkristalle werden hart wie Beton. Ein kurzes Eintauchen bringt nichts. Weiche ihn eine Stunde lang in Süßwasser ein. Lass das Salz sich lösen.
  5. Trocknen: Hänge ihn auf. Halte ihn aus der direkten Sonne fern. UV-Licht zerstört Gummischläuche.

Anzeichen, dass deine Ausrüstung stirbt

Mechanisches Versagen passiert selten sofort. Die Maschine warnt dich. Du musst nur zuhören.

1. Das Zischen (Leckagen)

Wenn du beim Unterdrucksetzen der Flasche ein Zischen aus der ersten Stufe hörst, hast du einen defekten O-Ring oder einen Fehler am Hochdrucksitz. Tauche nicht. Wenn dieser Sitz unter Wasser versagt, schießt der Mitteldruck nach oben. Die zweite Stufe wird ihn nicht halten können. Sie wird heftig abblasen.

2. Steigender Mitteldruck (IP Creep)

Manchmal zuckt die Nadel des Manometers. Oder die zweite Stufe stößt alle paar Sekunden eine kleine Blase aus. Das ist „Mitteldrucksteigerung“ (IP Creep). Der Hochdrucksitz im Inneren dichtet nicht mehr perfekt ab. Druck entweicht von der Flaschenseite zur Schlauchseite. Irgendwann wird er die zweite Stufe aufdrücken. Das ist ein Fall für den Techniker.

3. Erhöhter Atemwiderstand

Wenn du stark saugen musst, um Luft zu bekommen, stimmt etwas nicht. Der Filter könnte verstopft sein. Die Hebelhöhe könnte zu niedrig eingestellt sein. Das Schmiermittel könnte eingetrocknet sein. Schweres Atmen verursacht Stress. Stress tötet.

Wartungsbank für Atemregler

Eine kalte Lektion

Ich erinnere mich an einen Job in der Nordsee. Winter. Wir arbeiteten an einem Pipeline-Flansch. Ich benutzte einen Backup-Regler, den ich seit zwei Jahren nicht gewartet hatte. Ich dachte, er sei in Ordnung. Er war ja nur die Reserve.

Ich wechselte bei einem Gaswechsel auf ihn. Das Wasser war nahe dem Gefrierpunkt. In dem Moment, als ich einen Atemzug nahm, fror der unversiegelte Kolben ein. Der Thermoschock war zu viel. Der Regler blockierte in offener Stellung.

Es fühlte sich an, als würde mir jemand einen Feuerwehrschlauch in den Hals schieben. Das Gas traf mich mit solcher Wucht, dass meine Wangen flatterten. Ich musste das Ventil an der Flasche dosieren, um überhaupt atmen zu können, ohne meine Lungen zu schädigen. Ich brach den Tauchgang ab. Ich verlor meinen Lohn. Ich sah aus wie ein Amateur.

Seitdem überprüfe ich alles. Ich warte meine Ausrüstung jährlich, unabhängig davon, wie viele Tauchgänge sie hinter sich hat.

Metall korrodiert. Gummi verrottet. Salz zerstört.

Dein Atemregler ist das Einzige, was es dir erlaubt, die feindselige Welt unter der Oberfläche zu besuchen. Behandle ihn mit Respekt. Spüle ihn richtig. Warte ihn oft.

Oder bleib auf dem Boot. Dort ist es sowieso wärmer.